Digitaler Minimalismus als Trend oder Lösung?
Was verspricht der digitale Minimalismus wirklich?
Fast jeder kennt es: Wir wachen morgens auf und der erste Griff geht gleich Richtung Handy, weil entweder der Wecker klingelt oder es einfach die Gewohnheit ist. Kaum ist das Handy angeschaltet, werden wir bombardiert mit Dutzenden von Mitteilungen verschiedener Apps. Was genau passiert mit uns in diesem Moment? Wir setzen uns einem Dopaminrausch aus, ähnlich wie bei einem Spielautomaten. Denn wer weiß schon, was sich diesmal hinter den Benachrichtigungen verbirgt – vielleicht ein neuer Like auf Instagram oder die spannendsten Neuigkeiten prominenter Menschen im Netz?
Die nackten Zahlen
Es ist erschreckend festzustellen, dass fast ein Viertel aller Jugendlichen weltweit ein ungesundes Verhältnis zu ihrem Smartphone haben. Dabei stehen allein in Deutschland im Durchschnitt 4,4 Stunden Bildschirmzeit an der Tagesordnung. Auf das Jahr gerechnet sind das 1.606 Stunden bzw. 67 Tage. Das ist eine beunruhigend hohe Zahl, die sich natürlich noch weiterspinnen lässt:
Wenn der Mensch etwa 80 Jahre alt wird und man die durchschnittliche Bildschirmzeit ab 15 Jahren mit einberechnet, die derjenige am Handy verbringt, kommt folgendes Ergebnis her:
12 Jahre.
Technologie, die uns verbinden und zusammenbringen sollte, hat dafür gesorgt, dass wir uns zunehmend von der realen Welt abschotten. Was hat das für Folgen?
Folgen der intensiven Smartphonenutzung
Wir merken zwar, wie sehr wir an unserem Handy förmlich festhängen, sind uns aber nur eines Bruchteils der Folgen bewusst. Klar ist: Eine übermäßige Nutzung ist nie gesund. Im Jahr 2017 hat beispielsweise eine Universität aus Texas mit einer Studie herausgefunden, dass selbst die bloße Anwesenheit eines Handys die kognitive Leistungsfähigkeit messbar senkt. Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne sank dabei von 12 Sekunden auf 8 Sekunden. Die Forscher sprechen hierbei von einem „Brain-Drain-Effekt“.


Was machst du, wenn du gelangweilt bist? Die bessere Frage ist vielleicht: Gibt es überhaupt noch Langeweile in unserem Alltag? Für die Allgemeinheit wohl eher weniger, denn wir haben jederzeit ein Unterhaltungsmedium in Griffreichweite – sei es auf dem Tisch oder in der Hosentasche. Es besteht die Gefahr, keinen Freiraum mehr für Langeweile zu haben, weil man sie nicht aushalten muss.
Langeweile selbst ist keinesfalls als negativ zu deuten, sondern vielmehr ein Indikator dafür, dass wir uns in einer Situation befinden, die uns derzeit nicht erfüllt. Man kann es sich schon denken, was wohl passiert, wenn wir stattdessen lieber konsumieren, anstatt die Langeweile auszuhalten: Wir bleiben im selben „Loophole“ der Unzufriedenheit.
Ein positiver Aspekt der Langeweile ist der Anreiz zur Selbstreflexion und Kreativität. Denn wenn uns langweilig wird, schweifen unsere Gedanken oft ab und können somit sogar zu neuen Ideen und Erkenntnissen führen, die unser Leben verändern.
Digitaler Minimalismus
Immer mehr Menschen werden sich der negativen Folgen der (übermäßigen) Nutzung des Smartphones bewusst. Deswegen gibt es seit einigen Jahren eine Bewegung, die sich ganz klar für einen bewussteren Konsum ausspricht. Ziel ist es, Technologie als Werkzeug zu nutzen, anstelle eines Dauerbegleiters. Dieser digitale Minimalismus bedeutet, Ablenkungen zu reduzieren, indem z. B. Benachrichtigungen ausgeschaltet und unnötige Apps gelöscht werden.
Inspirierend dazu habe ich vor einiger Zeit auf YouTube ein Video mit dem Titel „I Went Chronically Offline and the Days Got Wider“ von Boke’s Days Off gefunden.
Er beschreibt in seinem Video, wie er seine Bildschirmzeit von 4 Stunden am Tag auf nur 15 Minuten reduzieren konnte. Alles, was er dafür brauchte, war ein „Brick“ und ein Berg.


Ein „Brick“ ist ein kleiner Würfel, der sich so ziemlich überall anbringen und verstauen lässt. Er ist eine spannende Invention des digitalen Minimalismus, der ausgewählte Apps für die Nutzung blockieren kann. Ist die App einmal eingestellt und startbereit, kannst du dein Smartphone nur noch mit den von dir freigegebenen Apps nutzen. Möchtest du wieder vollen Zugriff haben, musst du den „Brick“ mit deiner Handykamera scannen.
Jetzt kommt die geniale Idee des kleinen Würfels: Während digitale Apps wie Digital Wellbeing (Samsung) leicht zu umgehen sind, muss der Besitzer bewusst zum Brick hingehen, um wieder vollen Zugriff zu haben. Dadurch trennt sich der Würfel von der digitalen Software ab und befindet sich im physischen Umfeld.
In dem Video geht Boke jedoch noch einen Schritt weiter: Er hat den Brick weit oben auf einem Berg unter einem Stein begraben. Wollte er ab sofort Social Media nutzen, musste er sich auf eine 2-km-Wanderung bergauf begeben. Er selbst beschrieb besonders die ersten zwei Tage als anstrengend und langweilig. Aus Gewohnheit griff er immer wieder zu seinem Smartphone, welches nun aber auch eintönig & langweilig erschien. Er ging deshalb oft auf den Berg hinauf, um Unterhaltung durch Social Media zu bekommen. Am dritten Tag erstellte er sich einen Plan, wie er die dazugewonnenen Stunden am Tag nutzen könnte. Längst überfällige Arbeiten am Haus wurden erledigt, er hatte zudem nun mehr Zeit für sich und seine Freunde gewonnen, tat einfach öfter mal ,,Nichts" oder ist kreativen Hobbys nachgegangen. Daraus entwickelte sich mit der Zeit eine Aufwärtsspirale, durch die er Motivation für neue, eigene große Projekte wie seinen YouTube-Kanal entwickeln konnte. Alles in allem zeigt dieses Video genau das, was Langeweile so wertvoll macht: sinngebende Anregungen zu schaffen.
Wie man sehen kann, hat der digitale Minimalismus deutliche Vorteile, wenn man bereit ist, diesen Schritt zu gehen. In meinem Umfeld habe ich Freunde, die sich dazu entschlossen haben, Social Media und Nachrichten komplett wegzulassen. Wiederum kenne ich aber auch Leute, die sich ein Leben ohne diese Apps schwer vorstellen können.
Ich habe oft über das Thema nachgedacht und würde mich selbst in die zweite Kategorie einordnen. Social Media als Kommunikationsmedium hat nicht nur für mich einen hohen Stellenwert, sondern auch für viele andere. Nicht umsonst verbringen wir so viel Zeit auf Social Media, denn dort tauschen wir uns mit unseren Freunden aus und bleiben durch Stories auf dem neuesten Stand.
Wenn eine abrupte Pause eingelegt wird, bedeutet dies das Wegfallen sozialer Kontakte sowie die potentielle Entstehung des „FOMO – Fear of Missing Out“. Betrachtet man die Sache jedoch nüchtern, muss man sich folgende Frage stellen:
Was würde sich in meinem Leben wirklich verändern, wenn ich ab heute auf Social Media verzichte?
Boke berichtete in seinem Video, dass es ihm ab einem gewissen Punkt schlichtweg egal wurde, was andere Menschen gerade tun. Dasselbe hörte ich auch schon von Freunden, die seit geraumer Zeit auf Social Media verzichten. Auch in puncto Kontaktpflege lässt sich sagen: Es finden sich immer alternative Wege, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben, selbst wenn es nur WhatsApp oder SMS ist. Demnach überwiegen die Vorteile die Nachteile, wenn man bereit ist, diesen Schritt zu gehen.
Das Light Phone III
Genau wie der „Brick“ gehört die Light-Phone-Reihe zu den Mitstreitern des digitalen Minimalismus. Gegründet wurde die Firma 2014 mit der Vision, Ablenkungen durch Smartphones zu vermeiden und den Menschen mehr Zeit im Leben zurückzugeben. Der Fokus dieser sogenannten „Dumb Phones“ liegt auf der Reduzierung des wirklich Notwendigsten anstelle von 500+ Apps, die um deine Aufmerksamkeit konkurrieren.
Durch Crowdfunding-Kampagnen entstanden über die vergangenen zehn Jahre drei Modelle der Light-Phone-Reihe. Alle Modelle verfolgen denselben minimalistischen Ansatz – sei es durch das schlichte Design oder das Mindestmaß an Funktionen. Wie kann es also sein, dass ein Handy mit weniger Funktionen manche Menschen eher anspricht? Ich möchte euch deshalb eine kurze Rezension zu meinem Selbsttest des Light Phone III geben.
Im Jahr 2024 habe ich mich viel mit digitalem Minimalismus und meinem eigenen Konsum beschäftigt. Zu dieser Zeit wurde ich auf das Light Phone III aufmerksam, welches in einer Kickstarter-Kampagne beworben wurde. Auf dem Papier überzeugte mich besonders die Vision der Entwickler, die bewusst gegen die „Always-on“-Smartphone-Kultur kämpft – mit dem Slogan: „Designed to be used as little as possible.“ Die Technologie soll in erster Linie dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Während viele Geräte Stress, Überforderung und ständige Ablenkung begünstigen, versucht das Light Phone, diesem bewusst entgegenzuwirken. In der Phase der Kampagne entschied ich mich, ein Light Phone zu bestellen. Dieses kam gegen Ende 2025 endlich an, wodurch ich nun die Möglichkeit habe, meine Erfahrungen zu teilen.
Beschränkung auf das Nötigste
Das Light Phone III besitzt als erstes Modell seiner Produktionsreihe eine Kamera sowie einen austauschbaren Akku. In der Funktionalität gibt es nicht viel zu sagen, denn es bietet lediglich folgende Funktionen:
Kalender
Notizen
SMS
Kamera
Hotspot
Podcasts
Musik (offline)
Light Maps
NFC
Taschenlampe
Zudem gibt es ein eigenes Betriebssystem namens „LightOS“, welches auf App-Symbole sowie dem farbigen Display verzichtet. Stattdessen ist alles in einem schlichten und einfachen Design gehalten. Aus Datenschutzgründen können keine anderen Apps wie Spotify, WhatsApp usw. genutzt werden. In Zukunft bemüht sich Light jedoch, dies möglicherweise zu implementieren.
Mein erster Eindruck war etwas bedenklich, denn nur mit SMS- und Anruffunktion ist es in der heutigen Zeit schwerer, in Kontakt zu bleiben. Zudem hat das Light Phone keinen eigenen Browser. Das schränkt den Einsatzbereich deutlich ein.
Trotzdem habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, dieses Dumbphone als mein primäres Handy für zwei Wochen zu nutzen. Immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich zu meinem Samsung greifen wollte, um mögliche WhatsApp-Nachrichten zu lesen. Natürlich könnte man alternativ WhatsApp über einen Webbrowser am Laptop nutzen, was jedoch umständlich ist.
Es musste also eine neue Lösung her:
Dabei stieß ich auf ein Forum, welches sich genau mit diesem Thema beschäftigte. Viele User beklagen sich darüber, dass das Light Phone in der heutigen Zeit nicht alltagstauglich genug ist. Dem stimme ich zu – besonders, da uns nicht nur QR-Codes an jeder Ecke begegnen, sondern auch ein Großteil unserer Kommunikation über soziale Netzwerke stattfindet. Für mich war vor allem die fehlende WhatsApp-Funktion ein Problem. Über Umwege war es jedoch möglich, das Light Phone in den Entwicklermodus zu setzen und so Zugriff auf zusätzliche Funktionen und Apps zu erhalten. Dadurch war ich letztlich auch in der Lage, WhatsApp, einen Browser und Spotify zu installieren. Seitdem sind alle meine Probleme mit dem Light Phone III nicht mehr existent.
Das Light Phone III nutze ich nun besonders dann, wenn ich einen „digitalen Detox“ brauche oder bewusst frei von Ablenkungen sein möchte. Bisher ist es nur mein sekundärer Begleiter im Alltag, da mein Smartphone einfach bequemer zu bedienen ist. Und genau darin liegt der entscheidende Punkt: Technologie vereinfacht unser Leben – kann es aber ebenso erschweren, wenn wir sie nicht verantwortungsvoll nutzen.
Fazit
Digitaler Minimalismus ist kein Allheilmittel für die Probleme unseres Medienkonsums. Hilfreiche Werkzeuge wie das Light Phone oder der Brick können dabei helfen, bewusster mit uns selbst und der Technologie umzugehen. Sie bekämpfen jedoch nicht zwangsläufig die Ursache. Der eigentliche Mehrwert dieser Bewegung liegt nicht im Verzicht, sondern in der eigenen Entscheidungsfreiheit: Wann möchte ich Technik nutzen – und wann nicht? Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten. Daher sehe ich digitalen Minimalismus eher als Impuls für einen gesünderen Umgang mit Technologie anstelle einer ultimativen Lösung.






